Karthagos Geschichte

Namensgeberin für das Projekt Karthago war die nordafrikanische Stadt Karthago , im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. die reichste Stadt am Mittelmeer und als Hauptstadt einer Seemacht die grosse Konkurrentin Roms. Einen kurzen Abstecher ins Altertum findest du hier.

Die Ursprünge von alternativen Wohnprojekten liegen in den 70er-Jahren, als preisgünstiger Wohnraum in Zürich knapp wurde. Damals bildete sich eine Bewegung gegen das Verschwinden von Wohnräumen, in denen Menschen für wenig Geld und in selbstbestimmtem Miteinander leben konnten. Es begann die Zeit der politischen Aktionen gegen den „Citydruck“ und die Hausbesetzungen nahmen sprunghaft zu.

Als Lektüre zur Geschichte des Widerstandes gegen die Bauspekulation und für neue Wohnmodelle in Zürich empfehlen wir folgende Lektüre:
www.dissertationen.unizh.ch/2006/stahel/diss.pdf

Diese Dokumentation wurde auch als reich bebildertes Buch herausgegeben:

Thomas Stahel (2006): Wo-Wo-Wonige. Zürich, Paranoia City.

1984 wurde ein grösseres Haus am „Tor zu Aussersihl“ besetzt, an dem Ort, der in Zürich kurz „der Stauffacher“ genannt wird. Nach anderthalb Jahren wurde die Liegenschaft polizeilich geräumt, um danach jahrelang leer zu stehen, bis 1990 der Abbruch erfolgte. Während dieser Zeit war der Stauffacher Zankapfel in einem facettenreichen Streit zwischen Behörden und Besitzern auf der einen Seite und den WohnaktivistInnen auf der anderen. Gleichzeitig wurde er zur Projektionsfläche für Sozialutopien und Wohnträume: Er hätte das Herz von Karthago werden sollen.

Die Idee eines Zürcher Karthagos tauchte 1985 unter den ehemaligen Besetzern des Stauffachers auf. Auf Anregung des Schriftstellers p. m.* hin begannen sie sich für die Idee eines Grosshaushaltes zu begeistern. Es war auch p. m., Autor der Stadt- und Sozialutopie „bolo’bolo“, der den Namen Karthago einbrachte. Die Geschichte der legendenumwobenen Stadt, die so lange erfolgreich gegen das römische Imperium gekämpft hatte, die zudem – zumindest der Legende nach – von einer Frau, der phönizischen Prinzessin Elissa, gegründet und anfänglich auch geführt wurde, inspirierte die Vordenker des Projekts. Gleichzeitig spiegelte sich auch die nüchterne Einschätzung ihrer Lage im Namen des untergegangenen Karthagos: im Kampf um den Stauffacher musste mit einer Niederlage stets gerechnet werden.

Während viele der ehemaligen StauffacherInnen neue Objekte besetzten, andere billigen Wohnraum bezogen, der Ihnen von der Stadt angeboten wurde, planten die Dritten ein Karthago am Stauffacher. Dieses sollte ein möglichst autarkes „Dorf“ für 100 BewohnerInnen werden. Wohnen und Arbeiten sollten in Karthago nebeneinander Platz finden. Auf einem zugehörigen Landgut würden die BewohnerInnen den grössten Teil der Nahrungsmittel selber produzieren. Die Energie sollte aus ökologischen Quellen fliessen und das Geld schrittweise durch den direkten Tausch von Waren und Dienstleistungen ersetzt werden. Damit würde eine „unverwechselbare Kultur“ des Gemeinschaftslebens geschaffen (Quellenangaben: Karthago am Stauffacher, Broschüre, Verlag Paranoia City, Zürich, 2. Auflage 1989 / Werkstatt Karthago, Dokumentation vom September 1991). Das Projekt wurde im August 1986 der Öffentlichkeit vorgestellt. Es erntete viel Sympathie, was aber nicht verhinderte, dass die Häuser am Stauffacher Anfang 1990 einer grossen Geschäftsüberbauung weichen mussten. Mit einem grossen Trauerzug durch die Stadt wurde das Projekt zu Grabe getragen.

Die wenigen Karthago-VisionärInnen, die den Mut nicht verloren hatten, versuchten sich in einer Werkstatt Karthago neu zu orientieren. Anfänglich verfolgten Sie die Idee eines „Instant-Karthagos“ in Form einer Containersiedlung, die sich rasch aufstellen liesse. Bald aber machten die Stadtbehörden ein solideres Angebot: sie offerierten das Baurecht für ein Grundstück in Zürich Altstetten. Nun kamen neue Leute zu den PlanerInnen hinzu, brachten eigene Vorstellungen ein, und im September 1991 wurde die Genossenschaft Karthago gegründet.

Im Frühjahr 1993 vergab die Genossenschaft einen Studienauftrag an drei Teams von ArchitektInnen für das Projekt Karthago in Altstetten. Dieses Projekt war bescheidener als das Stauffacherprojekt. Es verzichtete auf jene Ziele, die in Richtung Subsistenz- und Tauschwirtschaft führten, entfernte sich insofern von den Utopien des Schriftstellers p. m. Im Zentrum standen nun soziale und kulturelle Postulate: die Solidarität im Alltag, die Gemeinschaft als kulturstiftender Lebensraum.

Im September 1993 wurde der Baurechtsvertrag mit der Genossenschaft aufgesetzt und beurkundet. Anfang 1994 segnete ihn der Gemeinderat ab. Aufgrund eines Behördenreferendums von bürgerlichen Politikern (vor allem aus den Reihen der SVP) scheiterte im Juni 1994 auch dieses zweite Karthagoprojekt: Die Zürcher Stimmbevölkerung verwarf den Baurechtsvertrag zwischen der Genossenschaft Karthago und der Stadt.

Doch die Aufbauarbeit, die die Karthago-Leute in den letzten Jahren geleistet hatten, wurde inzwischen in breiten Kreisen anerkannt. Sie hatten aus einer eher theoretischen Karthago-Vision ein konkretes und zeitgemässes Wohnprojekt entwickelt, Kontakte mit Behörden und Institutionen geknüpft und Kompetenzen in Genossenschaftswesen, Architektur und Wohnbaupolitik erworben. Mit diesem Erfahrungshintergrund wurde schon ein halbes Jahr später, im Januar 1995, ein neues Projekt angegangen: Die Genossenschaft erwarb – mit entschiedener Unterstützung des Schweizerischen Verbandes für Wohnungswesen (SVW) und der Alternativen Bank Schweiz (ABS) – eine Geschäftsliegenschaft an der Zentralstrasse 150. Für die Zeit der Planung erfolgte eine Zwischenvermietung der Räume an Künstlerinnen, Grafiker, Architekten, Fotografinnen und Schriftsteller, bis im November 1996 der Umbau des Geschäftshauses zum heutigen Grosshaushalt Karthago begann. Am 1. Juli 1997 zogen die ersten MieterInnen der Genossenschaft ein. Es ist dieses Datum, das seither als Geburtstag von Karthago gefeiert wird.